Text 145, Johannes Mathesius: Passionale, Leipzig 1587

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Text 145

Johannes Mathesius: Passionale Mathesij, das ist / christliche vnd andechtige Erklerung vnd Außlegung des zwey und zwantzigsten Psalms / vnd drey vnd funffzigsten Capitels des Propheten Esaiæ (...) geprediget durch (...) M. Johannem Mathesium / weyland Pfarrer in S. Joachimsthal

Leipzig, 1587, Johann Beyer, 84 Bl.
Obersaechsisch, Leipzig.
Zeitraum: V, 1587.
aufgenommen: S. 33r-56v, 27.
Verfasser: Johannes Mathesius, *1504 in Rochlitz, ab 1529 Studium in Wittenberg, 1532 Rektor, später Pfarrer in Joachimsthal, †1565
Drucker: Johann Beyer, *1551 in Franckenberg, 1573-†1596 Drucker in Leipzig
Textart: Kirchlich-theologischer Fachtext
Blatt 33 recto
1 Folget die
2 Auslegung vnd erklerung
3 vber das 53. Capitel des
4 Propheten Esaiæ / welches billich das guͤldene
5 Capitel genennet wird/ von des HERRN
6 CHRJSTJ Passion/ Sterben/ Aufferstehung
7 vnd Reich/ etc.
8 Behalten durch den Alten
9 Herrn
10 M. Johannem Mathesium.
11 Esaiæ 53.
12 SJhe/ mein Knecht wird weißlich
13 thun/ vnd wird erhoͤhet/
14 vnd sehr hoch erhaben sein/ das
15 sich viel vber dir ergern werden/
16 weil seine gestalt heßlicher ist/
17 denn ander Leute/ vnd sein ansehen/
18 denn der Menschen Kinder/
19 Aber also wird er viel Heyden
20 besprengen/ das auch Koͤnige
21 werden ihren Mund gegen jm
22 zuhalten. Denn welchen nichts
Blatt 33 verso
1 dauon verkuͤndiget ist/ dieselben
2 werdens mit lust sehen/ vnd die
3 nichts dauon gehoͤrt haben/ die
4 werdens mercken.
5 ABer wer gleubt vnser Predigt?
6 Vnnd wem wird der Arm des
7 HERRN offenbaret? Denn
8 er scheust auff fuͤr jhm wie ein
9 Reiß/ vnd wie eine Wurtzel aus
10 duͤrrem Erdreich. Er hat keine
11 gestalt noch schoͤne/ Wir sahen
12 jhn/ aber da war keine gestalt
13 die vns gefallen hette. Er war
14 der aller verachtest vnd vnwerdest/
15 voller schmertzen vnnd
16 kranckheit. Er war so veracht/
17 das man das Angesicht fuͤr jhm
18 verbarg/ darumb haben wir jhn
19 nichts geacht.
20 Fuͤrwar/ er trug vnser Kranckheis /
21 vnnd lud auff sich vnser
22 schmertzen. Wir aber hielten
23 jhn fuͤr den/ der geplagt/ vnd
24 von GOtt geschlagen vnnd gemartert
25 were. Aber er ist vmb
Blatt 34 recto
1 vnser Missethat willen verwundet/
2 vnnd vmb vnser Suͤnden
3 willen zuschlagen. Die straffe
4 liegt auff jhm/ auff das wir friede
5 hetten/ vnd durch seine Wunden
6 sind wir geheylet. Wir gingen
7 alle in der jrre wie Schaf/
8 ein jeglicher sahe auff seinen wege/
9 Aber der HERR warff
10 vnser aller Suͤnd auff jhn.
11 DA er gestrafft vnnd gemartert
12 ward/ thet er seinen Mund nicht
13 auff/ wie ein Lamb/ das zur
14 Schlachtbanck gefuͤhrt wird/
15 vnd wie ein Schaf/ das erstummet
16 fuͤr seinem Scherer/ vnnd
17 seinen Mund nicht auffthut.
18 ER ist aber aus der Angst vnd Gericht
19 genommen/ Wer wil seines
20 Lebens lenge außreden?
21 Denn er ist aus dem Land der
22 Lebendigen weggerissen/ da er
23 vmb die Missethat meines Volckes
24 geplagt war. Vnd er ist begraben
25 wie die Gottlosen/ vnd
Blatt 34 verso
1 gestorben wie ein Reicher/ wiewol
2 er niemand vnrecht gethan
3 hat/ noch betrug inn seinem
4 Munde gewest ist. Aber der
5 HERR wolt jn also zuschlagen
6 mit Kranckheit.
7 WEnn er sein leben zum Schuldopffer
8 gegeben hat/ so wird er
9 Samen haben/ vnd in die lenge
10 leben/ vnd des HERRN fuͤrnemen
11 wird durch seine Hand
12 fortgehen. Darumb das seine
13 Seel gearbeitet hat/ wird er seine
14 lust sehen/ vnd die fuͤlle haben.
15 Vnd durch sein erkentnis
16 wird er/ mein Knecht/ der Gerechte/
17 viel gerecht machen/
18 denn er tregt jhre Suͤnde. Darumb
19 wil ich jhm grosse menge
20 zur beute geben/ vnnd er sol die
21 Starcken zum raub haben. Darumb/
22 das er sein Leben in Tod
23 gegeben hat/ vnd den Vbelthetern
24 gleich gerechnet ist/ vnd er
Blatt 35 recto
1 vieler Suͤnde getragen hat/ vnd
2 fuͤr die Vbeltheter gebeten.
3 MEine Geliebeten Freunde im
4 HERRN/ wir haben euch im vorigem
5 Jahre zur Passionpredigt den
6 22. Psalm einfeltiglich vnd Christlich
7 erkleret/ Hewer nu haben wir fuͤr
8 vns/ in dieser vnserer Christlichen Kirchen/ das 53.
9 Capitel des Propheten Esaiæ zu nemen/ vnd zu erkleren
10 bedacht/ wie es denn auch sonsten diese zeit der
11 Fasten in der Schuelen vnd Kirchen/ beyde Lateinisch
12 vnd Deutsch gesungen wird. Vnd vermahne
13 euch/ das jhr euch dis Capitel wollet ja lassen
14 lieb/ angelegen vnd befohlen sein/ vnd als des heiligen
15 Propheten Esaiæ bestes vnd festes Symbolum
16 oder Bekentnis seines Glaubens achten vnd
17 halten/ vnd als eine gewisse Ruͤstung vnd Gewehr/
18 wider allerley Abgoͤtterey vnd Grewel der Juͤden /
19 Mahometisten/ vnd andern Vnchristen/ Moͤnche
20 vnd Juͤden lieb haben/ vnd außwendig lernen.
21 Vnd bitte euch/ durch die Barmhertzigkeit Gottes/
22 vnd durch das thewre Rosinfarben Blut des Sohnes
23 GOttes/ vnsers HERRN vnd Heylandes
24 Jesu CHristi / vnd so lieb als euch ewrer Seelen
25 seligkeit ist/ das jhrs ja euch auch als ewer Symbolum
26 vnd Bekentnis/ lieb vnd werth achtet vnd
27 haltet/ daheime es euch ewre Kinder lesen lasset/
28 fleissig anhoͤret/ vnd selbst mit jhnen andechtiglich/
29 kluͤglich vnd inniglich singet. Denn also wird euch
30 darnach die Weissagung des Propheten Esaiæ /
Blatt 35 verso
1 sampt derselbigen Außlegung vnd Erklerung/ desto
2 anmuͤthiger/ bekandter vnd verstendlicher sein vnd
3 werden. Vnd wer weis wer es mehr von mir hoͤret
4 außlegen. Jch hoffe je ja hertzlich es sol die gute
5 letzte sein. Der Sohn Gottes vnser lieber HERR
6 vnd Heyland Jesus Christus / helffe mir mit seinem
7 Heyligen Geiste/ das ich euch in wahrer/ rechter
8 vnd heiliger einfeltigkeit/ vnd in einfeltiger Warheit
9 alles das/ so da heilsam/ nuͤtzlich vnd noͤthig ist/
10 sagen vnd fuͤrtragen moͤge/ Amen. HERR Jesu Christe /
11 Amen.
12 DJe Materia aber vnd das Subiectum,
13 dauon dis gantze Capitel handelt
14 vnd redet/ ist der Sohn GOttes Jesus Christus /
15 wie auch der gantze Andere Artickel vnsers
16 Christlichen vnd Apostolischen Kinderglaubens
17 durchaus von Christo handelt vnd redet. Denn dis
18 Capitel handelt durchaus/ vom Anfang biß zum
19 Ende/ von der Person des HERRN Christi /
20 das ist/ von der Menscheit vnd Gottheit des Messiæ/
21 vom heiligen Predigampt/ von der Passion
22 vnd Leiden/ Creutzigung vnd fuͤrbitte/ vom Tode
23 vnd Begrebnis/ von der Aufferstehung vnd Erhoͤhung/
24 Maiestet vnd Herrligkeit des HERRN
25 vnd Heylandes Jesu Christi. Jtem/ vom Beruff
26 der Heyden/ vnd von vnsern Jrreweg vnd Suͤnden
27 aller mit einander/ wie wir auch jetzund noch leben/
28 seind vnd weben/ vnd vom ewigen vnd jmmer
29 aneinander wehrendem Reich des HERRN vnd
30 Heylandes Jesu Christi. Vnd darnach henget es
Blatt 36 recto
1 sonderlich daran den Brauch/ nutz vnd frommen/
2 oder das Ende vnd die Causam finalem, des Leidens
3 vnd Sterbens/ oder verdienstes des HERREN
4 Jesu Christi / vnd wie wir vns diese grosse
5 Schaͤtze/ so vns der HERR Christus mit seinem
6 leiden vnd Todt erarnet vnd erworben/ durch sein
7 selbst erkentnis/ vnd durch eignen Glauben an jhn/
8 sollen vnd koͤnnen zur Gerechtigkeit/ Seligkeit vnd
9 zum ewigen Leben/ appliciren vnd zueignen.
10 DJese Artickel alle mit einander werden vns
11 in diesem Capitel vber 700. Jahr/ oder an das 800.
12 Jahr nahe hinan/ vor des HERRN Christi
13 Passion vnd Leiden/ vom heiligem Propheten Esaia
14 klerlich vnd deutlich beschrieben.
15 DAs aber deme also sey/ vnd dis Capitel
16 sonst von niemand denn von Christo laute vnd verstanden
17 werden koͤnne/ gibt vns das Newe Testament
18 in vielen Spruͤchen gar herrlich vnd vnwidersprechlich
19 Zeugnis/ Derer wir denn im 2. Capitel
20 der Ersten Epistel S. Petri Drey finden vnd haben/
21 die da aus diesem Capitel genommen sind/
22 als:
23 1. WElcher auch keine Suͤnde gethan
24 hat/ ist auch kein betrug in seinem
25 Munde erfunden.
26 2. DVrch welches Wunden jhr seid
27 heil worden.
28 3. JHr waret wie die jrrende Schaffe/
29 Aber er hat vnsere Suͤnde selbs
30 geopffert auff dem Holtz.
Blatt 36 verso
1 Vnd ist darzu lieblich vnd troͤstlich/ das S. Petrus
2 also fein vnd richtig die application auff seine Zuhoͤrer/
3 mit dem Pronominibus Jhr vnd Euch
4 machen kan.
5 DAs Andere Zeugnis stehet Act. 8. da denn
6 der Kemmerer der Koͤnigin Candáces aus Morenlande
7 Philippum fraget/ als er auff seinem Wagen/
8 in diesem Capitel des Propheten Esaiæ die
9 wort lieset: Er ist wie ein Schaf zur schlachtung
10 gefuͤhret/ vnd still wie ein Lamb fuͤr seinem
11 Scherer/ von wem doch der Prophet in
12 diesem Capitel rede/ vnd Philippus mit klaren/ guten
13 vnd derben worten diesen Spruch von Christo
14 erkleret vnd außleget. Was die andern Zeugnis
15 des Newen Testaments von diesem Capitel anlanget/
16 die wollen wir/ in der außlegung des Texts
17 dieses Capitels/ vmb der Juͤden willen/ die da diesen
18 Text lieber auff sich deuten vnd ziehen wolten/
19 mit einbringen. Allein das jhr jetzunder das Zeugnis
20 Vsielis / der da im Targo klerlich saget: Sihe
21 mein Knecht der MESSJAS/ behaltet vnd
22 mercket. Darzu koͤmpt vnd stimmet nu auch mit
23 ein die einhellige vnd gleichstimmende bekentnis der
24 heiligen vnd Apostolischen Kirchen/ welche dis Capitel
25 vom HERRN Christo verstehet/ singet/
26 lieset vnd klinget/ wie denn auch das gantze Bapstumb
27 vns zu besondern trost vnd befestigung vnsers
28 Glaubens dis auch bekennen mus.
29 DJs wolt jhr nu fleissig vnnd trewlich von
30 dem handel vnd von dem Jnhalt dieses Capitels
Blatt 37 recto
1 behalten/ auff das jhr ewers Glaubens vnd wissens
2 gar gewiß sein moͤget.
3 JEtzund wollet nu auch auff die Forme/ Anstellung
4 vnd Disposition dieses Capitels gute
5 achtung geben.
6 WEnn wir aber eigentlich vnd gar deutlich
7 dauon reden sollen vnd wollen/ so ist dis Capitel
8 eine Weissagung/ Prophecey vnd verkuͤndigung/
9 der kuͤnfftigen Passion vnd Leidens des HERRN
10 Christi / so da fast an 800. Jahr hernach geschehen
11 ist/ wiewol der Prophet in Præterito, als were
12 es schon geschehen/ vmb der gewißheit vnd warheit
13 willen/ redet. Denn er hat diese dinge alle lange
14 zuuor fast an die 800. Jahr ersehen/ vnd aus getrieb
15 vnd anregung des Heiligen Geistes auffgeschrieben/
16 vnd in sein Buch gebracht/ auff das wir
17 ein gewisses/ festes/ warhafftiges vnd wolgegruͤndtes
18 Prophetisches wort vnd grund vnsers Glaubens
19 vnd Religion haben moͤchten.
20 DJe Causa efficiens oder der Author dieser
21 Prophecey vnd Weissagung ist Gott selber/ der
22 da durch seinen Heiligen Geist/ durch den Mund
23 des Propheten Esaiæ redet/ wie der alte Priester
24 vnd Vater Johannis des Teuffers Zacharias saget:
25 Wie er ( GOtt ) geredt hat/ durch den
26 Mund seiner heiligen Propheten. Darumb
27 wird man in diesem Capitel etliche Dialogismos
28 finden. Denn bald redet der Prophet in GOttes
29 Namen vnd Person/ bald widerumb in seinem eignem
30 Namen vnd Person/ als wenn er sich selbst den
31 Suͤndern einmenget vnd einschleusset.
Blatt 37 verso
1 DArumb solt jhr dis wol mercken vnd behalten/
2 das die Prophetischen wort vnd Spruͤche/
3 sampt jhren Schrifften/ die sie vns hinderlassen/
4 vnnd nu ( Gott sey lob ) auff vns kommen vnd geerbet
5 sind/ feste vnd gewiß/ vnd aus anregung/ getrieb
6 vnd eingebung des Heiligen Geistes/ vnd gar
7 nicht aus Menschlichem willen herfuͤr gebracht vnd
8 geschrieben sind worden/ 2. Petri 1. Denn das
9 Wort Gottes sol vnd mus weit weit/ von der Person
10 des Propheten/ so es redet oder schreibet/ gescheiden
11 vnd gesondert werden. Dieser zwar/ wird
12 ein Prophet genant/ der da besonders von dem
13 Sohne Gottes beruffen vnd außgesand/ vnnd fuͤr
14 seine Person/ in indiuiduo vnd insonderheit/ mit
15 dem Heiligem Geiste angethan/ geschmuͤcket vnd
16 begabet wird/ vnd redet das lebendige vnd krefftige
17 Wort Gottes. Wie denn dieser vnser jetziger Prophet
18 Esaias ein solcher Prophet ist/ welcher des
19 HERRN Christi herrligkeit/ wie der heilige Euangelist
20 S.Johannes am 12. Capitel zeuget/ gesehen/
21 vnd von jhm geredt hat.
22 DArumb wer dis Capitel wil seliglich gebrauchen/
23 der mus seine vernunfft gefangen nemen
24 vnter dem gehorsam Christi / vnd mus ( wie die Sareptanische
25 Witfraw vom Elia bekennet ) sagen:
26 Nu erkenne ich das Esaias ein Man Gottes
27 ist/ vnd des HERRN Wort inn seinem
28 Munde ist gewis/ vnd ein Ja_ vnd Amens wort.
29 Denn es ist weit vber 700. Jahr hernach
30 alles erfuͤllet/ vnd es ist nicht ein Iota, Titel/ oder
31 der aller geringste Buchstabe von dieser Prophecey/
Blatt 38 recto
1 vergeblich vnd vmb sonst auff die Erden gefallen/
2 wie in den Euangelisten zu sehen ist/ welche eine
3 ewige Glossa vnnd gar gewisser vnd klarer Commentarius
4 oder Außlegung inn diese Weissagung
5 des Propheten Esaiæ sein/ vnd in jhren Euangelischen
6 Historien diesen Propheten/ fuͤrnemlich
7 aber dieses guͤldene Capitel fleissig vnd trewlich allegiren
8 vnd anziehen.
13 DJe Endliche vrsache/ nutz vnd frucht dieser
14 Weissagung lasset vns nu auch betrachten vnd einnemen.
15 Denn da moͤcht einer sagen vnd fragen:
16 Warzu dienet vns denn nu
17 solche Weissagung?
18 DArauff kan diese Antwort gefallen vnd einbracht
19 werden:
20 SJe dienet Erstlich darzu/ Auff das wir dadurch
21 in vnserer wahren vnd Christlichen Religion
22 vnd Glauben befestiget/ gestercket/ vorgewissert vnd
23 bekrefftiget werden/ vnd wissen vnd schliessen koͤnnen/
24 das vnsere Religion vnd Glaube/ die klare
25 warheit vnd ware klarheit des Wortes Gottes vnd
26 recht ist/ vnnd nicht ein blosser vnd vngegruͤndter
27 oder bawfelliger wahn vnd gedancken der jetzigen
28 boͤsen vnd Gottlosen Juͤden / Moͤnche/ vnd anderer
29 Jrregeister vnd Schwermer/ welche die Propheten
Blatt 38 verso
1 vnd das Muͤndliche Wort Gottes/ vnd den HErren
2 Christum / der vns im Worte fuͤrgetragen wird/
3 verleugnen vnd verwerffen. Vnnd dis ist ein nutz
4 dieser Prophecey des Propheten Esaiæ.
5 DArnach dienet diese Weissagung darzu/ Das
6 wir aus diesen worten des Lebens/ das ewige Leben
7 studieren vnd lernen/ das ist/ das wir hieraus trost
8 in allen anfechtungen/ wider das Gesetze/ Suͤnde/
9 Todt/ Teuffel vnd wider Gottes Zorn/ schoͤpffen
10 vnd nemen. Dieweil wir hie in dieser Weissagung
11 hoͤren/ das Gott auff seinen Sohn die Suͤnde geworffen/
12 vnd jhn zum Opffer fuͤr vns gemacht hat/
13 vnd vns alleine durch sein erkentnis wil annemen/
14 vnd fuͤr gerecht achten vnd halten/ vnd wil vns seinen
15 Geist geben/ vnd new Liecht vnd leben in vns
16 sprechen. Vnd dis lehret vnd bezeuget die Proposition:
17 Wir werden gerecht/ das ist/ angenommen
18 vnd Gotte versoͤhnet/ allein durch die erkentnis
19 des Sohnes Gottes Jesu Christi.
20 ZVm Dritten/ So dienet vns diese Prophecey
21 darzu/ das wir aus diesem Text des Propheten
22 Esaiæ / alle Teuffeley/ Moͤncherey/ Papisterey/
23 vnd andere jrrige Lehre vnd Schwermerey/ die vns
24 auff vnsere eigene werck/ oder auff das Meßopffer
25 des gesegneten Brods weisen/ verklagen vnd widerlegen
26 koͤnnen. Denn so durchs Gesetz die Gerechkeit
27 koͤmpt/ so ist Christus vergeblich gestorben. So
28 es das Meßopffer vnnd das gesegnete Brodt thut
29 vnd außrichtet/ so ist der HERR Christus vmb
30 sonst ein Schuldopffer/ Ascham vnd Reatus fuͤr
31 vns worden.
Blatt 39 recto
1 DJs haben wir nu zum anfang in gemein/
2 von den Vier Vrsachen dieses Capitels/ als von
3 der:
4 Causa { Materiali,
5 Formali,
6 Efficienti, vnd
7 Finali, } sagen wollen/
8 Als nemlich: Woruon es lautet/ Wie es gestellet/
9 Wer es geredt vnd auffgeschrieben/ Vnd worzu
10 es diene.
11 JEtzund nu vermahne ich euch/ als ewer oͤrdentlicher
12 vnd trewer Seelsorger/ jhr wollet es fein
13 fleissig von wort zu wort außwendig lernen/ vnd
14 es euch zu Tische lesen vnd singen lassen/ vnd es gegen
15 den andern Artickel vnsers Christlichen vnd Apostolischen
16 Kinderglaubens halten/ vnnd damit
17 vergleichen/ vnd ja fleissig auff die Außlegung/ vnd
18 was ein jedes woͤrtlein heisse/ mercken/ vnd es euch
19 selbst feine im Glauben appliciren vnd zueignen/
20 euch der wort annemen/ vnd Christum daraus fuͤr
21 ewre Gerechtigkeit/ Weißheit/ Opffer vnd Seligmachern/
22 der euch bey Gott verbeten vnd außgesoͤhnet/
23 vnd sich noch ewer annimmet/ lernen erkennen.
24 Denn also wird euch die erkentnis Christi
25 zum ewigen Leben dienen/ vnd wird euch ferner kein
26 Ketzer mehr betruͤben/ vnd von dem gecreutzigtem
27 HERRN CHristo ableiten koͤnnen. Nu dauon
28 genug.
29 JEtzund wollen wir nu/ im Namen des gecreutzigten
30 vnsers HERRN vnd Heylandes Jesu Christi /
Blatt 39 verso
1 den Text anfahen/ vnd wollen nur Drey
2 woͤrtlein jetzund fuͤr vns nemen.
3 SJhe/ mein Knecht wird weißlich
4 thun.
5 SJhe/ oder Ecce, das ist ein Nota bene
6 des Heiligen Geistes/ vnd heisset so viel/ als mercke
7 es wol/ wer Ohren hat zu hoͤren der hoͤre.
8 Sensibus hæc imis res non est parua reponas.
10 Nemet diese Prophecey wol zu Hertzen/ zu gemuͤth
11 vnd sinnen/ vnd lasset sie nicht vergeblich fuͤr die
12 Ohren fuͤruͤber rauschen/ oder zu einem Ohre ein/
13 vnd zum andern heraus gehen/ Sehet darauff wie
14 jhr zu hoͤret/ vnd lasset euch den Teuffel das Wort
15 nicht aus ewern sichern Hertzen reissen.
16 ( Mein Knecht. )
17 HJe sollet jhr fuͤr allen dingen mercken/ das
18 der Prophet diese wort redet im Namen des Vaters/
19 oder viel mehr zeuget vnnd redet der Vater
20 durch den Mund des Propheten/ von seinem geliebten
21 Sohne/ den er hie in diesem Capitel einen
22 Knecht / vnd zwar seinen Knecht nennet. Denn es
23 sind sonst auch wol viel Knechte vnd Soͤhne/ auch
24 fromme Knechte vnd Diener Gottes/ Als Moses
25 ist ein trewer Knecht im Hause des HERREN.
Blatt 40 recto
1 Vnd Jsaac vnd Joseph sind getrewe vnd fromme
2 Soͤhne. Aber also stehet das Mein bey keinem.
3 Denn dieser Jesus Christus ist der einige vnd Natuͤrliche
4 Sohn GOttes/ vnd ein Knecht oder Gesandter
5 vnd Legat GOttes/ welcher aus dem aller
6 herrlichsten vnnd groͤssestem Concilio der heiligen
7 Dreyfaltigkeit inn diese Welt gesandt ist/ vnd ist
8 der gerechte Knecht von Natur/ vnd auch wegen
9 seiner wirckung/ das er nicht allein dem gantzen
10 Menschlichem Geschlechte/ als ein sonderlicher
11 vnd außbuͤndiger Knecht GOttes/ der da vnsere
12 Suͤnde an seinem knechtlichem Leibe biß ans Creutz
13 tregt/ dienete/ vnd vns allen mit einander/ als verjrrete
14 vnd verlorne Schaͤflein suchet/ auff seine Achseln
15 nimmet/ vnser Diener/ der vns zur Hand gehet/
16 ist/ wie er selbst sagt Matth. 20. Des Menschen
17 Son ist nicht kommen/ oder/ von Gott
18 in die Welt gesandt/ das er jm lasse dienen/
19 sondern das er selbest diene/ Sey der Diacon
20 vnd Knecht oder Diener/ der da nicht alleine lehret/
21 sondern auch wehret vnd erloͤset/ vnd sein leben
22 gibt zur Erloͤsung fuͤr viele. Vnnd also erkleret der
23 HERR Christus / Esaie 43. diese seine Dienstbarkeit
24 vnd Knechtschafft/ in dem er spricht: Fecisti
25 me seruire in peccatis tuis, Ja mir hastu arbeit
26 gemacht in deinen Suͤnden/ das ist/ Jch
27 bin dein Knecht vnd Suͤndentreger worden/ vnd
28 habe deine Suͤnde vnd vnreinigkeit von dir genommen/
29 vnd dich derer erleichtert/ vnd dich mit meinem
30 Rosinfarben Blute gewaschen vnd gereiniget/
31 vnd du hast mirs in deinen Suͤnden/ Missethaten
Blatt 40 verso
1 vnd vbertretungen Blut sawer gemacht. Jch habe
2 darinnen gearbeitet/ das mir der blutige schweiß
3 vber den gantzen Leib geronnen ist/ vnd habe darunter
4 gekeuchet/ vnd angst vnd mattigkeit gefuͤhlet.
5 Eben von dieser Dienstbarkeit vnd Knechtschafft/
6 redet auch der Sohn Gottes im 40. Psalm: Aures
7 perfodisti mihi, Die Ohren hastu mir auffgethan/
8 oder durchboret/ das ist/ mit den Ohren
9 hastu mich an die Tuͤeren deiner Kirchen/ als einem
10 ewigen Knecht/ nach dem fuͤrbilde der alten
11 Knechte in Mose / Exod. 21. gehafftet/ das ich dir
12 ewig / biß an Juͤngsten Tag/ dienen/ vnd deine
13 Schaffe weiden/ sie verbinden vnd tragen/ bewachen/
14 vnd meinen Leib fuͤr sie dargeben/ vnd sie selig
15 machen solle.
16 DAs mercket nu fleissig vnd wol/ GOtt nennet
17 seinen lieben Sohn hie/ wie auch Esaie 42. seinen
18 Knecht/ von der Knechtlichen gestalt/ vnd
19 das er jhme mit predigen/ beten/ opffern/ fuͤr die
20 Welt dienen solle/ biß er jhme seine Herde wider
21 erloͤse vnd zu recht bringe.
22 SOlcher Knecht vnd Diener ist sonst keiner
23 mehr. Der Seruus seruorum zu Rom ist ein
24 Schalckknecht/ vnd behelt vnd stielt alles. Wir
25 zwar vnd alle Propheten dienen GOtte im Geist
26 vnd in der Warheit/ vnd lehren das Wort Gottes.
27 Andere vmb vnd neben vns sind Miedling vnnd
28 Kretschmar/ die da das Wort Gottes verfelschen/
29 vnd damit Handthierung treiben. Aber dieser einiger
30 Knecht Gottes JEsus CHristus erhelt vnd beseliget
31 alles mit einander seinen Knechten vnnd
Blatt 41 recto
1 Diener/ vnd ist der wahre rechtschaffene Knecht
2 aller seiner Knechte vnd Diener/ des die Schaffe
3 eigen sind/ vnd lesset sein leben fuͤr die Schaffe/
4 damit er ja den willen seines HERRN verrichten
5 vnd erfuͤllen moͤge.
6 WJrd weißlich thun.
7 DAs ist/ Dieser ist ein frommer/ trewer vnd
8 nuͤtzer Knecht. Denn er alleine erhelt vnd versorget
9 das Haus Gottes. Vnd die sorge vnd Haußhaltung
10 der gantzen Welt liegt jhme auff dem Halse.
11 Vnd derselbige wird ein guter/ trewer vnd weyser
12 Haußhalter/ Oeconomus vnd[?] sein/
13 getrewe im Hause des HERRN/ wie Joseph
14 vnd Moses. Denn er wird weißlich vnd kluͤglich
15 lehren/ geduͤltiglich vnd williglich viel thun/ außrichten
16 vnd leiden/ vnd wird mit weißheit vnd verstand
17 Geistlich regieren/ vnd lauter weyse vnd verstendige
18 Leute aus allen denen/ die da seine weißheit
19 im Worte hoͤren/ annemen vnnd behalten/
20 machen. Er wird auch seine Feinde weißlich angreiffen.
21 Denn das heisset Ieskil, gnauiter, acuté,
22 diligenter, consideraté, perficere, Ein ding
23 dapffer/ scharff/ gnaw/ fleissig vnd bedechtiglich
24 außrichten. Summa/ wil Gott sagen: Jch habe
25 mich vmb einen trewen vnd fleissigen Diener vmbgesehen/
26 der wird jhm recht thun/ wird ehre einlegen/
27 vnd wird thun vnd lassen koͤnnen/ vnd wird
28 meinen willen trewlich vnd fleissig außrichten.
Blatt 41 verso
1 WEr nu etwas bey GOtt außzurichten hat/
2 der halte sich zu diesem thewren/ trewen/ warhafftigen/
3 redlichen/ klugen/ willigen/ außrichtsamen
4 Diener/ welcher Gottes Rath/ Diener/ Cantzler/
5 Factor, Schaffner vnd Stadhalter ist/ der
6 wird bescheid/ vnd schleunige außrichtung/ folge
7 vnd abfertigung bekommen/ vnd sey nur mit dem
8 Seruo seruorum, oder Knechte aller Knechte zu
9 Rom / auch mit den lieben Heiligen/ zu frieden.
10 Denn der gehet vnangesagt fuͤr Gott aus vnd ein/
11 wie Moses / oder ein geheimer Rath beym Keyser/
12 wo es dieser hinbindet/ da ist es hingebunden. Gott
13 Pharao hat es alles diesem vntergeben/ wie die
14 Allegoria vnd Geistliche Deutung Genesis 44.
15 feine lehret. Vnd der ist der Landesvater vnnd der
16 heimliche rath des vnsterblichen vnd vnsichtbaren
17 Gottes/ etc.
18 VNnd er wird erhoͤhet/ vnd sehr
19 hoch erhaben sein/ das sich viel
20 vber dir ergern werden/ weil seine
21 gestalt heßlicher ist/ denn ander
22 Leute/ vnnd sein ansehen/
23 denn der Menschen Kinder. Aber
24 also wird er viel Heyden besprengen/
25 das auch Koͤnige werden
26 jhren Mund gegen jhm zuhalten.
27 Denn welchen nichts
Blatt 42 recto
1 dauon verkuͤndiget ist/ dieselben
2 werdens mit lust sehen/ vnd die
3 nichts dauon gehoͤrt haben/ die
4 werdens mercken.
5 ABer wer gleubt vnser Predigt?
6 Vnnd wem wird der Arm des
7 HERRN offenbaret?
8 DEn Jnhalt vnd die Summam/ oder den gantzen
9 handel dieses Capitels/ vnd das der Vater
10 seinen Sohn/ den gehorsamen/ getrewen vnd
11 willigen Knecht nennet/ der da weißlich fehret/
12 beyde mit lehren vnd leiden/ wie folgen wird/ habt
13 jhr nu gehoͤret. Jn diesem jetzigen Text aber erkleret
14 der Prophet/ was denn dieses Knechts Gottesdienst
15 sein werde/ oder worinnen er seine Knechtschafft
16 beweisen/ vnd vns seinen Dienst leisten werde/
17 Nemlich/ das er vnsere Suͤnde tragen/ vnd
18 sich fuͤr vnsere Suͤnde ans Creutze werde hencken
19 lassen. Darnach von der ergerniß des Creutzes
20 Christi. Jtem/ von dem Nutz des Leidens Christi /
21 vnd von dem Beruff der Heyden/ vnd worinnen /
22 der Nutz des Leidens CHristi vns zugebracht
23 werde/ vnd wie wirs vns zueignen sollen/ Nemlich/
24 durch den Glauben. Aber wir greiffen
25 zum Text:
Blatt 42 verso
1 ER wird erhoͤhet werden.
2 DAs ist/ Darinnen wird dieses Knechts
3 dienst stehen/ das er/ wie er selbst spricht Matth. 20.
4 sein leben zum Loͤsegelt gebe fuͤr viele/ vnd sich vmb
5 vnser Suͤnde willen/ ans Creutze hengen lasse.
6 Denn diese Drey woͤrter: Weislich thun/ erhoͤhet/
7 vnnd sehr hoch erhaben werden/ sol
8 man von der verachtlichen vnd schmehlichen erhoͤhung
9 des erniedrigten vnd gedemuͤthigten Sohnes
10 Gottes Jesu Christi vnsers HERRN verstehen/
11 wie es denn die Grammatica, vnd die krafft oder
12 der verstand der woͤrter/ vnd zuuort aus die consequentia
13 vnd mitfolge leidet.
14 DArnach folget auch von der herrlichen erhoͤhung/
15 wenn dieser Knecht Gottes Jesus Christus /
16 durchs Predigampt wird erhoͤhet/ vnd vnter den
17 Heyden herrlich gemacht werden. Vnd wird im
18 110. Psalm beyderley erhoͤhung mit diesen worten
19 beschrieben: Er wird trincken vom Bach auff
20 dem Wege/ darumb wird er das Heupt
21 empor heben/ das ist/ Er wird durchs Leiden in
22 seine herrligkeit eingehen/ vnd sich zu seines Vaters
23 Rechten setzen/ vnd es wird in aller Welt von jhm
24 geprediget werden. Jn der Epistel S. Pauli an die
25 Philipper am 2. Capitel werden auch beyde erhoͤhung
26 des HERRN Christi / die am Creutze/ vnd
27 darnach die zur Rechten des Vaters beschrieben.
28 DErhalben so sollet jhr diese Drey wort:
29 Weislich thun/ erhoͤhet/ vnd sehr hoch erhaben
30 werden/ von der erniedrigung/ demuͤthigung/
Blatt 43 recto
1 eusserung der Gottheit/ vnd von dem gehorsam
2 des HERRN Christi biß zum Tode/
3 oder von seiner Creutzigung/ verstehen. Wie denn
4 der HERR Christus Johan. am 3. Capitel auch
5 redet: Also mus des Menschen Sohn erhoͤhet
6 werden. Vnd Johan. 12. Wenn ich erhoͤhet
7 werde von der Erden ( wie die Eherne
8 Schlange ) so wil ich alles zu mir ziehen. Das
9 sagt er aber zu deuten/ spricht der Euangelist/
10 welches Todes er sterben wuͤrde/ vnd redet
11 vom Tode am Creutze. Vnnd ist so viel gesagt:
12 Wenn ich nu erhoͤhet vnd gecreutziget werde/ so
13 wil ich die Juͤden vnd Heyden besprengen/ vnd sie
14 zu mir ziehen/ durchs Wort vnd Sacrament/ vormittels
15 des Heiligen Geistes.
16 NU last vns auch auff den verstand vnd auff
17 die eigentliche meinung der woͤrter achtung geben/
18 vnd sie betrachten.
19 Ram, heisset Erhoͤhen/ oder Opffern. Denn
20 Thruma, heisset Eleuabitur, Wird erhoͤhet
21 werden. Derhalben so wil GOtt also viel sagen:
22 Mein trewer Knecht wird es wol außrichten/ Aber
23 er wird muͤssen eine Leuanda zuuor/ oder Hebe
24 haben/ vnd eine Thruma sein/ welche den Namen
25 vom Erhoͤhen oder Erheben hat/ wie die Eleuatio
26 oder Erhebung des Sacraments gleich so
27 viel bedeutet.
28 Nisa, heisset zu ehren erheben oder erhoͤhen/
29 wie der Schenck zu ehren erhoͤhet ward/ Genes. 40.
30 vnd auch schmehlich vnnd schendlich erhoͤhet werden/
31 wie der Becker Pharaonis / der da gehenckt
Blatt 43 verso
1 ward. Denn dis wort/ so da eine Erhoͤhung oder
2 Eleuation bedeutet/ wird von beyden Erhoͤhen
3 gesatzt.
4 Gabah aber wird von gutem vnd boͤsem Erhoͤhen
5 verstanden/ daher denn die Hoͤhen des Himmels
6 vnd an dem Gebewden die Giebbel/ vnd am
7 Menschen die hohen Peulen oder Hocken Gibbi
8 genant werden.
9 DJe Euangelisten gedencken des Syrischen
10 worts Gabbatha, welchs ist ein hoher/ rundter/
11 gewelbter Ort gewesen/ wie vnsere Rabensteine/
12 da werde CHristus erhoͤhet/ vnnd sehr schmehlich
13 als ein Vbeltheter auff dem Hohepflaster zum Tode/
14 ja zum aller schmelichsten Tode des Creutzes/
15 verdammet werden. Da wil nu Gott sagen/ durch
16 den Mund des Propheten Esaiæ: Sihe/ das ist/
17 betrachte es doch nur/ mein getrewer vnd weyser
18 Knecht wird zum Tode verdampt werden/ wird
19 ein lebendiges Schlachtopffer vnd Fluch sein muͤssen/
20 wird an einen Pfal als ein Grewel vnd Fluch
21 auffgehenckt werden/ etc. Das heisset auch JEsum /
22 vnd den verfluchten vnd gecreutzigten predigen/
23 durch welchs erkentnis wir gerecht werden/ wie
24 da folget:
25 DAs sich viel vber dir ergern
26 werden.
27 DJe folge vnnd cohærentia textus oder
28 contextus vnd das der Text also aneinander hanget/
29 vnd gleich mit einander verknuͤpfft ist/ bewehret
Blatt 44 recto
1 vnsere gesatzte meinung/ fuͤrnemlich aber in vnser
2 Deutschen Biblien/ da denn der gecreutzigte HErr
3 CHristus eine vrsache ist alles Ergerniß. Vnd ist
4 das die meinung/ als wolte der Vater sagen: Mein
5 Knecht wird gecreutziget werden/ vnd wenn er also
6 gecreutziget/ vnd vngestalt gemacht worden ist/
7 so wird er der Juͤden ergerniß sein/ 1. Corinth. 1.
8 Vnd viel werden sich an seiner heßlichen gestalt/
9 schmach vnd verwundung ergern vnd stossen/ das
10 sein Leib so jemmerlich/ scheußlich vnd erbermlich
11 zugerichtet ist. Denn der HERR Christus / wie
12 er am Creutze gehangen/ hat viel eine heßlicher gestalt
13 gehabt/ denn aller Menschen Kinder/ Jst bespeyet/
14 verspottet/ mit Doͤrnen gekroͤnet vnd verhoͤnet/
15 vnd an seinem gantzem Leibe zerriessen vnd
16 zurzerret/ vnd sonst auffs aller ergste vnd jemmerlichste
17 angerichtet gewesen.
18 Lascher, so da heisset/ Wie das/ oder Warlich/
19 stehet auch zwar im Exod. 1. Als wolte er
20 sagen: Das ist die vrsach/ das sich die Leute an
21 Christo ergern/ weil er fuͤr ein Suͤnd vnd Schuldopffer
22 erhoͤhet ist worden. Denn er ist grewlicher
23 vnd heßlicher/ als jrgend der aller geringsten oder
24 ergsten vnd Gottlosesten einer zugerichtet.
25 Schemam, heisset Obstupescere, Erstarren/
26 sich entsetzen/ verstuͤrtzt werden/ vnd sich gleich
27 eines schemen/ vnd einen grewel an einem haben/
28 oder einen anpfeitzen/ oder daruͤber ausspruͤtzen/
29 vnd blasen vnd spruͤen/ wie die Juͤden theten/ da
30 Christus am Creutze hieng/ da schemeten sie sich seiner
31 fuͤr Pilato / vnd koͤnnen Jesum nicht nennen/
Blatt 44 verso
1 Tolle hunc, sagen sie/ Hinweg mit diesem.
2 Jm 22. Psalm ( den jhr zuuort gehoret habt ) werden
3 auch solche grewel/ entsetzung/ hohn vnd bittere
4 Spotwort oder Sarcasmi verkuͤndiget. S. paulus
5 fasset es in ein wort: CHristus ist ein
6 Ergernis. Der gute alte Simeon nennet jhn aus
7 Esa. 8. 28. Einen Stein des Ergernis vnd anstosses/
8 oder/ einen fall vnd aufferstehung vieler
9 in Jsrael / vnd ein zeichen/ dem widersprochen
10 wird. Jtem/ Einen verworffenen Stein/
11 weil seine gestalt heslicher ist/ denn anderer.
12 Mischal, heisset heßlich/ scheußlich/ verderbet
13 vnd vnwerth/ one alle gestalt vnd schoͤne. Denn
14 also hatten Juͤden vnd Heyden den HERRN
15 Christum / in der geisselung/ kroͤnung/ Creutzigung/
16 vnnd in seiner bittern verspottung/ da er erhoͤhet
17 ward/ zugerichtet/ das er der aller verachteste vnd
18 geringste Mensch war/ fuͤr aller Welt Augen. Daher
19 denn der Vater selbst von diesem seinem gecreutzigten
20 Knechte prediget/ das er der Juͤden Ergerniß/
21 vnd der Heyden Thorheit sein werde/ welchen
22 doch Gott selbst fuͤr der Welt Leben gibet/ in
23 die schantze geschlagen/ vnnd in die aller eusserste
24 vnd hoͤchste schmach gesencket hat. Wie denn der
25 HERR Christus selbst saget: Jch aber bin ein
26 Wurm/ Vermis,[?] , Zschirbe/ vnd kein
27 Mensch/ ein spot der Leute vnd verachtung des
28 Volcks/ das ist/ der ich von aller Welt verachtet
29 vnd verdampt bin.
30 DJs wird nu vns geprediget/ auff das wir
31 an diesem erniedrigten/ gedemuͤthigten/ verdampten/
Blatt 45 recto
1 verfluchten vnd abschewlichen HERREN
2 Jesu Christo / vnsere grosse Suͤnde/ vnd des Vaters
3 grosse Liebe erkennen moͤgen/ welcher seines
4 eignen Sohnes nicht verschonet hat/ sondern jhn/
5 vmb vnser heil vnd Seligkeit willen/ inn den aller
6 schmehlichsten Todt geworffen/ vnd verzeihet
7 vnd verwiegt sich eine zeitlang seines lieben Sohnes/
8 das er vns seinen ergsten Feinden helffe/ vnd
9 zu seinen Kindern mache. Derhalben sollen wir diesen
10 Grewel vnd Loͤsegelt erkennen/ vnd vns ja an
11 seinem Creutze nicht ergern. Denn selig ist/ sagt
12 der HERR Christus / der sich nicht an mir ergert.
13 Wie wir vns gleichfalls auch heutiges tages
14 an der armen/ elenden vnnd geringen gestalt der
15 Christlichen Kirchen/ als an der rechtschaffenen
16 Pheronica, welche das Bild des gecreutzigten
17 HERRN vnd Heylandes Jesu Christi an sich
18 genommen/ jhme ehnlich worden/ vnd es herumb tregt/
19 vnd das Wort des Creutzes noch heutiges
20 Tages von Papisten vnd Schwermern gecreutziget
21 vnd geradbrecht wird/ nicht ergern sollen. Denn
22 wie der HERR Christus keine gestalt hat/ Also hat
23 auch die Christliche Kirche vnd das Wort Gottes
24 kein ansehen/ vnd wir selbst halten auch nicht viel
25 dauon. Aber selig sind die/ so sich an der armen/ elenden
26 vnnd verachten gestalt der Kirchen vnd des
27 Worts Gottes nicht ergern.
28 ABer also wird er viel Heyden
29 besprengen.
Blatt 45 verso
1 DJese wort lauten von der wirckung/ frucht
2 vnnd nutz des Leidens vnd der Erniedrigung des
3 HERRN vnd Heylandes Jesu Christi / wie er selber
4 sagt: Wenn ich erhoͤhet werde von der
5 Erden/ so wil ich sie alle zu mir ziehen. Denn
6 das wird der nutz vnd wirckung des HERRN
7 Christi Leidens sein/ das also die Heyden durchs
8 Wort werden zu Christo gezogen/ vnd mit seinem
9 Worte vnd Blute/ als mit dem rechten geweiheten
10 Wasser/ welchs da aus seiner eroͤffneten Seiten dieses
11 Felses vnd waren Hohenpriesters ist geflossen
12 vnd entsprungen/ besprenget werden. Denn obwol
13 die Juͤden jhn als jhren Messiam werden
14 verleugnen/ vnnd seiner nicht wollen/ wie Daniel
15 sagt/ So wird er jhme doch selbst eine Kirche/
16 durch die besprengung seines Bluts/ welche geschicht
17 im Worte Gottes/ 1. Petri 1. vnd damit
18 sich Dauid auch wil besprengen lassen/ aus der
19 Heydenschafft samlen.
20 VNd mit diesem worte/ Besprengen/ legt
21 vns der Prophet aus die alten Besprengungen/
22 Hebr. 9. Denn das Blut der Boͤcke vnd die Asche
23 von der rothen Kuhe/ kan von Suͤnden nicht reinigen/
24 sondern das Blut Jesu Christi / mit welchem
25 wir im worte vnd Sacramenten besprenget werden.
26 VNd hie mercket nu die schoͤne Lehr/ das
27 Christi verdienst auch die Heyden angehe vnd angehoͤre/
28 vnd das das verdienst des Opffers Christi
29 im Worte zu vns komme/ vnd vns angeboten/ vnd
30 mit eignem Glauben appliciret vnd zugeeignet werde.
31 Denn durch das Wort der Apostel gleuben wir
Blatt 46 recto
1 an den HERRN Christum / vnd werden freilich die
2 Suͤnden nicht durchs geweihete Wasser außgetilget
3 vnd abgewaschen/ sondern wenn wir mit dem
4 Blute des HERRN Christi besprenget werden.
5 Also besprenge ich euch heute/ als ewer Pfarrer/
6 im Worte vnd Predigampt/ Jhr meine lieben
7 Pfarrkinder/ nemet diese heilige troͤpffelein mit vnd
8 im Glauben an/ empfahet sie von mir ewrem Seelsorger/
9 vnd lassets ewern hoͤchsten trost sein/ vnd betet
10 teglich mit dem lieben Dauid: Asperge me
11 Domine Hyssopo, Entsuͤndige mich mit Jsopen/
12 das ist/ wasche vnd reinige mein Hertz/
13 durch den Glauben an dein heiliges Blut.
16 DAs auch Koͤnige werden ihren
17 Mund gegen jhm zuhalten.
18 DJese wort gehoͤren nu zur herrligkeit des Sones
19 GOttes. Vnd ist das die meinung: Erstlich
20 wird er sich erniedrigen vnd wird vngestalt werden/
21 vnnd wird hinunter fahren inn die vntersten oͤrter
22 der Erden. Darnach wird er herrlich zur Rechten
23 GOttes erhoͤhet werden/ vnd werden jhme alle
24 ding/ im Himmel/ auff Erden vnd in der Hellen
25 vnterthan vnd vnterworffen werden. Denn es werden
26 auch Koͤnige vnd Keyser zum HERRN Christo
27 komen/ jhme vnterthenig werden/ jhre Knie fuͤr
28 jhm beugen vnd sich neigen/ staub lecken/ vnd jhn
29 als den ewigen Hohenpriester vnd Koͤnig erkennen/
30 oder wie hie stehet: Werden jhren Mund gegen
Blatt 46 verso
1 jhm zuhalten/ das ist/ sie werden schweigen
2 mit jhren Mandaten vnd Religionen/ vnd werden
3 Christum in jhren Thoren einlassen/ vnd jhn
4 lassen reden vnd gebieten/ biß an der Welt Ende/
5 wie es heute geschicht/ vnd welche nichts dauon
6 gehoͤret haben/ dieselbigen werdens mit lust sehen.
7 Darumb das sie etwas newes ( im Euangelio )
8 mit lust sehen/ hoͤren vnd vernemen/ das jhnen
9 zuuor vnbekandt vnnd verborgen gewesen ist.
10 Denn Erstlich ist das Euangelium den Juͤden
11 vertrawet vnd vberantwortet. Darnach ist die Genade
12 weit vnd breit zu den Japhiten vnd Heyden
13 kommen/ vnd das wird den Heydnischen Keysern
14 sanffte thun/ vnd werden Gotte dafuͤr dancken/ vnd
15 Christum preisen.
16 DErhalben so redet dieser Text von der herrligkeit
17 des HERRN Christi / vnd vom Beruff der
18 Heyden/ vnd von der außsprengung oder außbreitung
19 des Euangelij/ durch den gantzen Erdenkreiß/
20 wie denn im 22. Psalm auch stehet: Jch wil deinen
21 Namen predigen meinen Bruͤdern/ rc.
22 Denn der HERR Christus / wie er gecreutziget
23 vnd vom Tode erstanden ist/ verkuͤndiget er den
24 Namen/ Beschluß/ Gebot vnd willen GOttes
25 seinen Bruͤdern/ vnd sendet aus/ die seine Gerechtigkeit
26 dem Volcke/ das da geboren wird/ solten
27 verkuͤndigen/ das er alles fuͤr vns gethan vnd außgerichtet
28 habe.
29 DErhalben sollen wir Gott dem Vater hertzlich
30 dancken/ das er seinen Sohn fuͤr vns hat lassen
31 ein Schlachtopffer werden. Jtem/ das er vns
Blatt 47 recto
1 armen Japhiten aus Gnaden mit seinem Euangelio
2 heimgesucht hat. Vnd sollen die schoͤne definition
3 vnd beschreibung des Euangelij wol mercken/
4 das es eine verborgene heimliche Weißheit
5 vnd Mysterium oder Geheimniß sey/ welches
6 der Welt verborgen/ vnd in letzten zeiten den Heyden
7 offenbaret ist/ 1. Corinth. 2. Vnd lasset vns
8 heute des HERRN CHristi Stimme hoͤren/
9 vnnd im Glauben bewahren/ wie hernach folget.
10 Denn dis wort von dem gecreutzigten Sohn
11 GOttes ist ein gehoͤre oder wort des Glaubens/
12 vnd ein Arm des HERRN/ das ist/ eine krafft
13 Gottes/ welche selig machet/ alle die daran gleuben/
14 Roman. 1.
15 ABer diese Prophecey oder Weissagung klagt
16 hie/ das solches alles von den Juͤden verachtet
17 werde/ da sie entweder die Person selbst/ oder
18 sein Wort nicht haben wollen annemen/ vnd sich
19 vnter des HERRN Christi Fluͤgel samlen lassen.
20 Deßgleichen klaget vnnd saget auch der heilige
21 Apostel Paulus Roman. 10. vnd spricht aus
22 diesem Capitel: HERR/ wer gleubet vnser
23 Predigt? Sehet jhr nu zu/ das ich nicht auch dergleichen
24 mit warheit vber euch klagen muͤsse/ etc.
25 Drunten wollen wir von dem wesentlichen Arm
26 des HERRN mehr handeln.
Blatt 47 verso
1 Denn er scheust auf fuͤr jm wie ein
2 Reiß/ vnd wie eine Wurtzel aus
3 duͤrrem Erdreich. Er hat keine
4 gestalt noch schoͤne/ Wir sahen
5 jhn/ aber da war keine gestalt
6 die vns gefallen hette. Er war
7 der aller verachtest vnd vnwerdest/
8 voller schmertzen vnnd
9 kranckheit. Er war so veracht/
10 das man das Angesicht fuͤr jhm
11 verbarg/ darumb haben wir jhn
12 nichts geacht.
13 JHr habet bißhero etliche nuͤtzliche Lehren aus
14 vnserm fuͤrgenommenen 53. Capitel Esaiæ gehoͤret/
15 Nemlich/ Warumb der Sohn Gottes ein
16 weyser Knecht genent werde/ vnd was seine Knechtschafft
17 oder dienste sein/ nemlich/ seine Creutzigung.
18 Jtem/ vom Ergerniß/ von Christi Priesterthumb/
19 von seiner herrligkeit durch das Predigampt/ vom
20 Beruff der Heyden/ von der krafft des Muͤndlichen
21 vnd gepredigten Worts/ vnd wie das jhr so wenig
22 dem Euangelio gehorsam sein/ vnd es annemen.
23 Jn diesem Text aber handelt der Prophet
24 von dem elend vnd vngluͤck/ Jtem/ von dem geringen/
25 niedrigen vnd jammerigen vrsprung/ ankunfft
26 vnd anfang dieses Knechts Gottes/ vnsers
27 Koͤniges vnd Hohenpriesters/ vnnd wie man jhn
Blatt 48 recto
1 verachtet/ vnd nicht hat haben oder annemen wollen/
2 vnd was die Juͤden fuͤrnemlich von CHristo
3 gehalten.
4 DEnn Erstlich vergleichet der Prophet den
5 HERRN Christum mit einem Reißlein vnd gruͤner
6 Wurtzel/ welche aus einem duͤrrem/ trockenem/
7 hartem vnd vnfruchtbarm/ oder sandichtem
8 vnd steinichtem Erdreich herfuͤr scheust/ wie denn
9 auch der HERR CHristus im Buch der Richter/
10 im trockenem Fell/ nach seiner Menscheit in
11 den Tagen seines Ampts vnnd lauffs abgebildet
12 wird. Denn er allein ist duͤrr vnnd trocken inn
13 seinem Leiden/ Aber er befeuchtiget/ wessert vnd
14 erquicket alle Muͤheseligen/ durstige vnnd duͤrre
15 Seelen/ welche jetzund in dieser trockenen vnnd
16 duͤrren Welt verschmachten wollen. Also schreibet
17 hie auch der Prophet Esaias / das des HERREN
18 Christi Reich einen geringen vnd muͤheseligen
19 anfang gehabet.
20 DEnn der Prophet redet hie nicht von der
21 Geburt oder Menschwerdung des HERRN Christi /
22 das dieser Zweig oder Pfroͤpffer aus dem verdorretem
23 Stamm vnd Stock Dauids gezweigelt
24 vnd gegrunet habe/ Sondern er redet von dem eingang
25 vnnd anfang des Reichs vnnd Ampts des
26 HERRN Christi.
27 DJe Weltlichen Koͤnigreiche gehen mit grosser
28 pracht vnd herrligkeit erstlichen an/ vnd klein
29 lauts/ oder in LA, MI aus. Wie ein mahl einer
30 von eines grossen Keysers Reich gesagt hatte:
31 Gros an/ Klein aus. Aber CHristi Reich
Blatt 48 verso
1 gehet klein an/ vnd gewinnet doch ein grossen/ herrlichen
2 vnnd mechtigen außgang. Erstlich sihet es
3 duͤrre wie Gideonis Fellein/ vnd schmachtig vnd
4 schwelgig/ struppicht vnnd streubicht/ wie ein
5 Pfroͤpffreißlein oder Wurtzel/ das in einem sandigtem
6 vnd duͤrrem/ oder kieferichtem/ magern
7 Erdreich stehet/ da steckts vnd wil nicht fort/ wie
8 wir hie im Thal an vnsern Baͤwmen sehen. Aber
9 endlich wird aus dem elenden Reißlein ein grosser
10 gruͤner Bawm des Lebens/ der seine Este strecket
11 biß an der Welt ende/ vnd gibt jederman fruͤchte
12 vnd schatten/ grunet vnd bluͤhet fuͤr vnd fuͤr/ wie ein
13 Curinatbawm.
14 VErgleichet jhr nu mit diesem Gemelde die
15 folgende Beschreibung vnd Historien vom HERREN
16 Christo / sampt der Historien des HERRN
17 Christi / wie sie von den Euangelisten beschriben ist.
18 DJs Reißlein wird zu Nazareth von einem
19 elenden vnnd geringen Jungfraͤwlein empfangen/
20 welches jhrer Mumen inn Wochen wartet/ wird
21 inn hoͤchster Armuth vnnd Elend im Stall geboren/
22 inn kleine/ alte/ geringe Schleyerlein
23 oder Windelein eingewickelt/ vnd koͤmpt alzu balde
24 vnd gar zu bezeite in vngunst vnd vngnade bey
25 dem Koͤnige Herodi zu Hofe/ hat keine Hofegunst/
26 mus das Elend vnd Exilium bawen/ in
27 die frembde fluͤchtig werden. Da der Knecht erwechset/
28 gehet er inn der gestalt eines Knechtes/
29 vnd Zimmermans/ hat nichts eigens/ zimmert
30 vnnd hebet manches Haus/ Wie er ins Predigampt
31 vnnd herrlichen Beruff vnnd solennitet
Blatt 49 recto
1 koͤmpt/ wird er gekrencket vnd versucht in der Wuͤsten/
2 leidet durst vnnd hunger/ wird von seinen
3 Landsleuten vnnd Stadkindern oder Mitbuͤrgern
4 außgestossen/ ist vnnd wird ein Pfalbuͤrger zu Capernaum /
5 mus sich vom Allmosen behelffen/ vnd
6 dauon leben/ hat nicht so viel eigens/ da er moͤge
7 sein Heupt hinlegen/ mus einsam vnnd allein
8 ohne alle Geferten vnnd Mitgesellen sein vnnd leben.
9 Darnach wird er gefangen/ gebunden/ verspeyet/
10 verhoͤhnet/ verlachet/ verachtet/ verklaget/
11 verdammet/ gegeisselt/ gekroͤnet/ tregt sein
12 eigen Creutze zur Wahlstat seines Todes/ wird
13 zwischen zweyen Schechern oder Moͤrdern vnnd
14 Vbelthetern erhoͤhet/ gecreutziget/ durchstochen/ mit
15 Gallen getrencket/ vnd als ein Fluch vnd Fegopffer
16 getoͤdtet. Vnd doch eben durch solches sein
17 elendes Creutz vnd Leiden/ wird er erhaben/ vnd
18 gehet ein inn seine Herrligkeit/ vnd richtet die aller
19 groͤssesten werck aus/ vberwindet den Todt/ tilget
20 die Suͤnde/ bringet vns wider Leben vnd Gerechtigkeit.
21 Aber solches alles richtet er aus wie ein
22 Ionek, das ist/ wie ein junges vnd kleines Reißlein.
23 Denn Ionek bedeutet vnnd heisset beydes
24 ein Zweiglein vnnd Kindlein/ wie wir bey vns
25 Deutschen einen Jungen/ vnd die Vngern einen
26 Knecht einen Ionaken heissen.
27 Fuͤr jhm.
28 Coram eo, fuͤr Gottes Angesichte/ oder/
29 in seiner gestalt/ das ist/ Seine gestalt/ ist wie
Blatt 49 verso
1 eines kleinen Zweigleins/ Pfropffreißleins vnnd
2 Kindeleins/ oder einer geringen Wurtzel/ die da
3 aus duͤrrem Erdreich herfuͤr scheust.
4 Ziah, Psalm 107. heisset ein vnfruchtbares/
5 vngewessertes/ duͤrres Land.
6 VNd er hat auch darzu keine gestalt/ Toar,
7 das ist/ da sahe man nichts herrliches oder lustiges
8 an jhm. Nicht das sein Leib vngestalt/ oder seine statur
9 vnd proportion abschewlich vnd vngehewrig
10 gewesen were/ Sondern in seinem ansehen vnd an
11 seiner Person ist nichts gewesen/ das sich mit einer
12 Koͤniglichen Maiestet/ oder einem solchen Legaten
13 Gottes hette vergliechen/ vnd wirdig were derselbigen
14 Legation geachtet worden. Denn wie folget:
15 ER hatte keine gestalt.
16 Non fuit ei decor. Hadmos, heisset eigentlich
17 Priesterlicher Schmuck/ Psalm 110. das ist/
18 Er gieng nicht Prælatisch einher/ wie der Hoheprister
19 Iaddus, da er dem Alexandro Magno entgegen zog/
20 vnd hatte kein Ephod vnd Tiaram,
21 das ist/ Priesterlich Kleid vnd Bischoflichen Hut/
22 oder eine Dreyfache Krone/ wie der Bapst zu Rom
23 fuͤret/ wie denn der gute fromme Maͤrtirer Johan Huß /
24 Christum vnd den Bapst gegen einander hat
25 mahlen lassen/ Sondern dieser Knecht Gottes ist
26 in Knechtischer vnd geringer forme vnd gestalt erfunden
27 worden. Sein Vaterland vnd Heimath
28 Nazareth bringet nichts guts/ sagen sie/ was sol der
29 Idiota vnd Zimmerman/ sagt auch der Keyser Iulianus
30 vnd der Sophist Libanius.
Blatt 50 recto
1 WJr sahen jhn/ aber da war keine
2 gestalt/ die vns gefallen hette.
3 DJs woͤrtlein Videbamus, Wir sahen jn/
4 mag man geben/ entweder in præterito, von wegen
5 der gewißheit/ oder in futuro, Videbimus,
6 wir werden jhn sehen/ als einen armen/ blossen vnd
7 elenden Pilgrim/ Fußgenger vnd Wahlbrudern/ in
8 Palestina, Aber da war nicht das Ansehen/ vnd
9 die Magnificentz vnd herrligkeit/ das wir vns
10 nach jhm gesehnet hetten/ wie jhn doch der Prophet
11 Haggai Chemdat nennet/ welchs denn dem wort
12 Mahometh den Namen gibt/ vnnd Chemdat,
13 Mahometh, Desiderius, Erasmus, ist ein ding/
14 vnd heisset einen/ des man begeret. Aber wir
15 hatten/ saget Esaias / wenig lust vnd frewde
16 an jhm. Denn er war der aller verachteste.
17 Wie er sich denn auch selbst im 22. Psalm
18 einen spot der Leute vnnd verachtung des Volcks
19 nennet.
20 DJe Nazarener trieben jhn von sich aus.
21 Die Gergesener wollen jhn nicht vmb sich leiden/
22 vnnd treiben jhn auch von sich. Judas
23 der Verrehter schaͤtzet jhn gar gering/ verkeuffet
24 jhn vmb ein schnoͤde Gelt. Der Landpfleger Pilatus
25 lest jhn/ als einen gar geringen vnnd gemeinen
26 Menschen aus dem Poͤbel/ geisseln. Der
27 Koͤnig Herodes verspottet jhn inn einem weissen
28 Kleide. Die Hohenpriester heissen jhn einen Planum,
29 Verfuͤhrern vnnd Landfehrern. Das heisset/
30 meine ich/ Despectus, Der aller verachteste
Blatt 50 verso
1 vnnd vnwerdeste/ der da von GOtt
2 vnd aller Welt verlassen vnnd verhasset ist/ oder
3 an deme GOtt vnnd die Welt verzaget ist/ wie
4 wir von einem solchen Menschen pflegen zu reden/
5 oder wie es das wort mit sich bringet: Der seine
6 besten Tage gelebet hat/ das ist/ der aller
7 letzte/ geringste/ vnterste vnnd außwuͤrfling/
8 vnter vnnd von allen Menschen Kindern. Ein
9 Mensch oder Wurm voller schmertzen vnd wehetagen/
10 Dolorosus, gar schmertzhafftig/ schmertzlich/
11 der da jmmer wie im Sacke vnnd inn der
12 Asche lebet/ wie die zu Niniue / wie er denn offt
13 weinete/ vnd thet jhm wehe/ das der Teuffel also
14 regieren/ vnd die Welt in solchem jammer stecken
15 solte/ vnnd das seine Schaffe also in der jrre
16 giengen/ der da stetiglich vnnd jmmerdar aneinander
17 wehrende schwachheit/ kranckheit/ vnd
18 elend Leibes vnnd der Seelen/ oder des gemuͤths
19 erfahren/ innen werden vnnd fuͤhlen muste/ der
20 sich unsers elends hertzlich erbarmete vnd anname/
21 wie hernach folgen wird.
22 DErhalben haben jhr viel jhr Angesicht
23 fuͤr jhm vergorgen vnnd zugedeckt/ das ist/
24 Sie wolten jhm nicht das Angesichte/ oder die
25 Augen vergoͤnnen/ so gar ein elender vnd verachter
26 Mensch war er/ der Knecht GOttes/ des niemand
27 achtet/ oder sich anname/ kein Mensch
28 hielte jhn fuͤr den/ der er war. Denn wie jhn
29 GOtt zur zeit seines Fleisches fuͤr einen Fluch
30 vnnd Fegopffer hielte/ vnnd rechnete jhm alle
31 Suͤnde vnnd Schuld zu/ aber alleine Imputatione,
Blatt 51 recto
1 das er bezahlen solte vnnd muste/ das er
2 nicht geraubet hatte/ Psalm 69. Also hielte jhn
3 alle Welt/ als einen/ der von GOtt verworffen/
4 verstossen/ vnnd ein elender verlassener Mensch
5 were.
6 DJs ist nu die Beschreibung des HERREN
7 Christi / der da vnsert halben ist erniedriget
8 vnd verflucht worden/ vnnd ein Gemelde seines
9 Reichs/ vnd seiner Kirchen/ welche des HERRN
10 Christi Bildnis treget/ welches Gott hat vber 700.
11 Jahr zuuor verkuͤndigen lassen/ Auff das sich weder
12 Juͤden noch Heyden an der Bettelerischen elenden
13 vnnd verfluchten gestalt seines Knechtes vnd
14 Sohnes ergern solten. Es halff aber so viel es
15 kundte bey den Juͤden. Denn bey jhnen muste der
16 Sohn GOttes ein Stein des Anstossens/ vnnd
17 Felß des Ergerniß sein. Vnnd die Juͤden waren
18 bezeubert vnd vertieffet mit den gedancken/ von einem
19 leiblichen Reich vnd Messia/ vnd wolten nicht
20 das dieser vber sie herschen solte. Also gehet es/
21 wenn man nicht nach dem offenbarten Worte
22 GOttes/ in den Schriefften der Propheten vnd
23 Apostel verfasset/ von Christo / von der Christlichen
24 Kirchen/ vom Worte vnd Sacramenten/ vom Leben
25 vnd Tode Christi / vrtheilen wil.
26 DErhalben sollen wir an der Juͤden Exempel
27 gewarnet/ vnd aus jhrem schaden vnd fall
28 kluͤger werden/ vnd mit allem fleiß vnd andacht
29 vns zur heiligen Schrifft halten.
Blatt 51 verso
1 ZVr zeit des Keysers Juliani / wie auch jetzund
2 in der Tuͤrckey / sahe man auch nur auff die
3 heßliche vngestalt/ erniedrigung/ elend/ verachtung/
4 geringigkeit vnd Creutzigung des HERRN
5 Christi / ohne alle Schrifft. Darumb mus Christus
6 wol des Juliani / Libanij / vnd der Tuͤrcken
7 Ergernis vnd Fegopffer/ Thorheit vnd Narrheit/
8 Zimmerman vnd Galileischer/ oder wie die jetzigen
9 Juͤden geiffern vnd narren/ Roͤmischer Betler sein
10 vnd bleiben.
11 DJe Wiederteuffer vnnd Sacramentirer/
12 Schwenckfeldisten vnnd Osiandristen ergern vnd
13 stossen sich auch am Leiden des HERRN Christi /
14 vnd sehen seine Tauffe vnnd Abendmal/ vor des
15 aller verachtesten vnd vnter allen Menschen vnwerdesten
16 vnd geringsten Betlers wort an. Darumb
17 sie auch also schmehlich vnd Gotteslesterlich/ wie
18 die Mahometisten vom Abendmal des HERRN/
19 von der Tauffe/ vom Blut Christi fuͤr vns vergossen/
20 gedencken vnd reden.
21 JCh habe auff eine zeit aus des frommen Doctoris
22 Medleri Mund gehoͤret/ das er gesaget
23 hat/ Er dancke Gott/ das er nicht zu des HERRN
24 Christi zeiten gelebet hette/ vnd das er jhn nicht/ wie
25 er am Creutze gehangen/ gesehen habe. Denn er hette
26 den Heyland auch nicht haben moͤgen. Nu aber
27 werde er durch die heilige Schrifft vnd Zeugniß der
28 Christlichen Kirchen/ vnd durch tegliche erfarung
29 vberwunden vnd vberzeugt/ das er diesen Messiam
30 vnd Heyland gar gerne anneme.
Blatt 52 recto
8 DErhalben der wol selig/ nach des HERRN
9 Christi Wort/ ist/ der sich an CHristo vnd seiner
10 Braut der heiligen Christlichen Kirchen/ vnd an
11 dem ehrlichen/ lieben/ vnd doch fuͤr der Welt verachten
12 Predigampt nicht ergert. Ach Gott die liebe
13 Braut Christi / die Christliche streitende Kirche
14 ist ja traun auch vnscheinlich vnd schmachtig/ veracht
15 vnd vnwerth/ mit jhrer Stim vnd Predigampt/
16 welchs ein Ampt des Geistes vnd die
17 stimme des gecreutzigten HERREN Christi ist.
18 Aber gleich wie aus kleinem geringen anfang herfuͤr gesprossen
19 vnd gewachsen ist CHRISTVS INCARNATUS,
20 der HERR Christus
21 der Mensch ist worden: Also auch die Christliche
22 Kirche/ als des HERRN Christi Pheronica,
23 die da von einem einzehlen Moͤnch ist reformiret
24 vnd zu recht gebracht worden/ mus durch viel
25 truͤbsal auffschiessen/ herfuͤr brechen vnd auffkommen/
26 vnd wird endlich alle herrligkeit vnnd Glori
27 des HERRN CHRJsti in Himlischen Guͤtern
28 vnd ewigen Leben ererben. Behaltet dis wort wol:
29 Selig ist/ der sich nicht am Creutze CHristi /
30 vnnd an der geringen/ verachten gestalt
31 der Kirchen/ vnnd der heiligen Sacrament
32 ergert. Jch warne euch fuͤr schaden/
Blatt 52 verso
1 denn es wird die Christliche Kirche vnnd das Predigampt
2 noch scheußlich deformiret, vnd vngestalt
3 gemacht werden.
7 Fuͤrwar/ er trug vnsere Kranckheit/
8 vnnd lud auff sich vnsere
9 schmertzen. Wir aber hielten
10 jhn fuͤr den/ der geplagt/ vnd
11 von GOtt geschlagen vnnd gemartert
12 were. Aber er ist vmb
13 vnser Missethat willen verwundet/
14 vnnd vmb vnser Suͤnde
15 willen zuschlagen.
16 DJe Beschreibung vnd Contrafactur des geplagten
17 vnd verachten HERRN Christi habet
18 jhr gehoͤret. Jetzundt werdet jhr nu von den
19 vrsachen seiner schwacheit vnnd schmertzen hoͤren/
20 vnd was jhn darzu bewogen vnd verursachet/ vnd
21 was er damit außgerichtet. Denn was die form
22 vnd gestalt des Leidens Christi betriefft vnd anlanget/
23 gehet der Prophet Esaias alhie nur gar kurtz
24 herdurch/ die Euangelisten aber die erklerens weitleufftiger.
25 Die causæ impulsiuæ, oder treibende
26 vrsachen aber des HErrn Christi Leidens sind diese:
Blatt 53 recto
1 1. ERstlichen/ Gottes Befehl vnd Wille/
2 welchem sich der HERR CHRJstus / als ein
3 getrewer vnnd gehorsamer Knecht vnterwirffet/
4 Psalm 40.
5 2. DArnach zum Andern/ wird Christus
6 vnsers elends vnd jammers halben beweget/ vnd liebet
7 vnnd meinet vns bestendiglich vnnd hertzlich als
8 seine Bruͤder/ Johan. 13.
9 Nu zum Text:
10 Fuͤrwar er trug vnser Kranckheit.
11
12 DJeser/ Er/ dauon der Prophet hie redet/ ist
13 Christus Jesus. Denn der Euangelist Mattheus citiret
14 diesen text ausdruͤcklich vnd deutlich von Christo /
15 Matt. 8. vnd leget diese wort von Christi leiden
16 aus/ das er selbst williglich vnd geduͤltiglich vnsere
17 Kranckheit vnnd Schmertzen auff sich genommen/
18 vnd dafuͤr gnug gethan/ vnnd sie geheylet/ in der zeit
19 seines Fleisches leiblichen/ wie er denn endlichen/
20 wenn diese Welt jhr ende bekommen wird/ diß
21 werck der Curæ oder sanationis vnnd heylung an
22 allen Gleubigen Menschen volbringen wird/ wenn
23 wir nu gantz vnd gar gesunde/ starcke vnnd krefftige
24 leibe haben werden.
25 DErhalben/ Er/ der HErr Christus / als ein
26 Knecht Gottes/ vnd getrewer Bischoff vnser Seelen/
27 vnnd frommer Ertzhirt/ hat groß mitleiden mit
28 vnser Kranckheit/ vnnd wird zur Barmhertzigkeit
Blatt 53 verso
1 beweget. Denn es jammert jhn als den waren
2 Samariter vnser Elend vnd not gar hertzlich vnnd
3 schmertzlich/ das vns der Sathan also gepluͤndert/
4 beraubet vnnd außgezogen/ vnnd solche grewliche
5 tieffe wunden vnnd scheden vnserm gemuͤthe vnnd
6 leibe/ geschlagen vnd beygebracht hat/ vnd hat mit
7 der Suͤnden also viel vnaussprechliche vnnd vnzehlige
8 Kranckheiten auff vns geschuͤttet. Derhalben
9 er warhafftig vnnd von gantzem gemuͤth/ hertzlich
10 vnnd getrewlich als vnser Hoherpriester/ volkoͤmlichen
11 sich vnsers Elends vnnd Jammers annimmet/
12 vnd vns biß an das Ende liebet/ vnnd sich vnser
13 erbarmet/ Wie denn der Euangelist S. Johannes
14 diß Veré oder Fuͤrwar in seinem Euangelio
15 am 13. erkleret vnnd ausleget/ vnnd was die krafft
16 vnnd meinung dieses Veré sey/ anzeiget/ in dem er
17 spricht: Er liebet sie bis ans Ende.
18 ER wird aber nicht allein bewegt vnd betruͤbt
19 von wegen vnsers elends/ wie eine Mutter/ die da
20 bey jhrer Tochter/ so die hinfallende Kranckheit hat/
21 mit schmertzlichem mitleiden pflegt zusitzen/ Sondern
22 er wird auch vnser Treger/ vnnd nimpt beyde
23 vnsere straffe vnd schuld auff sich/ tregt oder erleichtert
24 vns vnserer Kranckheit/ vnnd nimpt sie selbst
25 auff seinen Hals/ vnd wird schuͤldig vnnd theilhafftig
26 aller vnser schmertzen vnd Kranckheit/ wie eine
27 fromme/ liebe vnd Natuͤrliche Mutter vnd getrewes
28 Weib/ gerne jres Kindes oder Ehemannes Kranckheit
29 selber an jhrem Leibe haben vnnd tragen wolte.
30 Jn dem er aber vnsere schmertzen treget/ giebt vnnd
31 bezahlet er auch den Ranzon vnnd Loͤsegeld/ vnd
Blatt 54 recto
1 thut fuͤr vnsere Schmertzen/ Kranckheit vnd Suͤnde
2 gar gnug. Denn sein gantzes Leben vnnd mitleiden
3 ist zugleich auch eine bezahlung/ gnugthuung vnnd
4 vergeltung vor vnser jammer vnnd elend. Er wird
5 fuͤr vns voller Elend/ Jammer vnnd Schmertzen/
6 das er dem Vater mit seinen Schmertzen/ fuͤr vns
7 in der bezahlung moͤchte antworten vnd gnugthun/
8 Denn er ist Arm/ Elend vnd Ahnmechtig in vnserer
9 Kranckheit vnnd Schmertzen worden/ von seiner
10 Jugend auff/ Psalm 88. Derhalben nimpt er also
11 vnser elend vollkoͤmlich vnd gnugsam auff sich/ das
12 er dieselbigen fuͤhle/ trage/ versoͤhne/ wegnehme
13 vnd heile. Also fuͤhret der Euangelist den Spruch:
14 Am Abend aber brachten sie viel besessene
15 zum HERRN Christo / vnnd er treib die
16 Geister aus mit worten/ vnnd machte allerley
17 Krancken gesund/ Auff das erfuͤllet wuͤrde/
18 das da gesagt ist durch den Propheten
19 Esaiam der da spricht: Er hat vnsere schwacheit
20 auff sich genommen/ vnd vnsere Seuche
21 hat er getragen. Er jammert vnd erseufftzet
22 als er den armen Menschen sihet/ des Zung vnnd
23 Ohren der Teuffel gebunden/ vnnd verstopfft hatte.
24 Also ergrimmet er im Geist/ als er sihet den verstorbenen
25 Lazarum. Es jammert jhn wie er sihet das
26 schmertzliche weinen der Widwin zu Nain. Jtem/
27 als er sihet wie seine Scheflein also verseumet vnnd
28 verwarloset werden/ vnd vom Geistlichen vnd leiblichen
29 hunger verschmachten/ jammert jhn derselbigen/
30 vnnd wie der Text mit sich bringet/ wird sein
31 Hertz/ vnd alle seine jnnerliche gliedmasse im Leibe
Blatt 54 verso
1 beweget/ vnd erzschuͤttert/ vnd speiset sie an Seel vnd
2 Leibe. Das heisset: Ipse induit nostros affectus,
3 Er hat vnsere schmertzen vnd affect an sich
4 genommen/ vnnd thut jhm so wehe/ als vns
5 selbst. Denn das heisset: Nisa vnd Sabal, das
6 Mem ist superfluum vnd vbrig/ wenn das Relatiuum
7 nach gewonheit der heiligen Schrifft repetiret
8 vnd widerholet wird. Aber gleich so wol gehet
9 es nicht ohne Emphasi vnd sonderliche deutung
10 abe. Denn es heisset so viel als: Ipse succollat,
11 baiulat, oneratur nostris ærumnis, Er/ Er/
12 Er/ nimpt auff seinen Hals/ tregt/ wird belestiget
13 vnd beschweret mit vnserm elend. Vnd
14 hat nicht alleine inn den tagen seines Fleisches
15 Kranckheiten vnd Elend gefuͤhlet/ als in der Wuͤsten/
16 vnd sich vnserer noth angenommen/ Sondern
17 jetzund auch nu zur rechten des ewigen Vaters/ behelt
18 er noch sein altes/ getrewes/ Barmhertziges vnd
19 Veterliches Hertz vnd Muͤtterliche trewe/ Aber doch
20 ohne fuͤhlen vnd schmertzen des todes/ der angst/
21 vnd betruͤbnis/ gleich wie er auch ohne Suͤnde im
22 Fleische auff erden vnsere affect gehabt/ wie die Epistel
23 Hebre. am 5. saget: Denn er ist bey vnnd
24 mit vns in der noth/ er sihet vnser vngluͤck/
25 nimpt sich vnsers elends an.
26 DJß wird vns nu als der aller schoͤneste vnnd
27 hoͤchste Trost fuͤrhalten/ wenn wir Kranck/ betruͤbt/
28 elend/ voller harmes vnd schmertzen sein/ sollen wir
29 diesen Text wol betrachten/ vnd vns einbilden vnd
30 sagen: Ach vnser HERR Jesus Christus / weis
31 ja vnser elend wol/ hat fuͤr vnsere Suͤnde an seinem
Blatt 55 recto
1 Leibe gnug gethan/ hat mitleiden mit vns/ erleichtert
2 vnsere Last vnnd Buͤrden/ wischet alle vnsere Threnen
3 abe/ offte auch leiblichen/ wenn es vns zum
4 besten/ vnnd jhme selbst zu ehren vnnd herrligkeit gereichen
5 sol. Aber der aller gewisseste Huͤlffetag zu
6 vnserer volkommenen gesundheit vnnd algemeiner
7 heylung Leibes vnd der Seelen/ ist angestellet auffm
8 Abend des Sechsten langen Tages/ da wird er alles
9 vngluͤck von den seinen hinweg nemen/ vnd auff
10 alle Teuffel vnnd Verdampte werffen/ Apoc. 11.
11 Vnd wird vnsere Trawrigkeit in volkommene vnd
12 ergaͤntzte Frewde verwandeln/ vnnd wird vns einen
13 starcken vnnd gesunden Leib/ ohne Suͤnde/ Kranckheit
14 vnd Todt geben.
15 DEn trost mercket jhr armen Leute/ die jhr
16 wenig wartung/ Menschlichen trost/ huͤlffe vnd besucher
17 habt vnd sprechet: Der HErr Christus hat
18 meine Kranckheit vnnd schmertzen auff sich genommen/
19 vnd sind nu hinfoͤrder nicht[?] , Straffe
20 der Suͤnden/ sondern[?] , bewehrung vnnd
21 pruͤfung meines Glaubens vnnd gantzen Christenthumbs.
22 Der HErr Christus ist nu auch jetzund
23 mit vnnd bey mir/ hat mit mir mitleiden/ dieser getrewer
24 HERR wird wol meine Kranckheit wegnemen/
25 vnnd meine Angst vnnd Jammersthrenen
26 auff den seligen Abend der Welt/ oder ja auff den
27 lang gehofften Abend dieses meines Elenden lebens
28 gar abschaffen vnnd abwischen/ wie er selber
29 sagt/ Esa. 46. Jch wil euch tragen bis ins
30 alter/ vnnd bis jhr graw werdet/ Jch wil es
31 thun/ ( Das ist/ Jch wil ewer vertreter sein ) Jch
Blatt 55 verso
1 wil heben vnd tragen/ vnnd erretten. Vnnd
2 am 54. Capitel spricht er: Jch habe dich ( meinen
3 lieben Sohn ) einen kleinen Augenblick
4 verlassen ( vnnd gezuͤchtiget ) Aber mit grosser
5 Barmhertzigkeit wil ich dich samlen rc.
6 Also lernet nu euch das Leiden vnd mitleiden/
7 die Liebe vnd Gegenwertigkeit Christi seliglich nuͤtze
8 machen/ vnd haltet jhm aus/ vnd eylet zu jhm/ denn
9 er ist Ewer Erquicker vnnd Erfrischer/ vnnd giebt
10 Labsal vnd Trost.
11 WJr aber hielten jhn fuͤr den/ der
12 geplagt/ vnnd von GOTT
13 geschlagen vnnd gemarttert
14 were.
15 DEr Prophet Esaias als ein Gliedt des
16 Volcks/ menget sich selbst auch in das gemeine Poͤbel
17 des Volcks hinein/ vnnd bekennet frey heraus/
18 das es jhn schweer hat gedaucht/ vnnd ankommen
19 sey/ diesen/ also vbelgeplagten Menschen/ fuͤr den
20 waren Messiam zu halten/ vnd anzunemen. Derhalben
21 haben wir/ wie die Juͤden ( wie ich denn
22 auch diese gedancken fuͤhle ) diesen vbelgeplagten
23 Menschen gehalten/ als einen der von GOtt geplagt/
24 oder gegeisselt/ oder geschlagen vnnd verwundet/
25 gemartert vnd gedemuͤtiget sey worden. Oder/
26 wie Galatinus schreibet/ als einen geschlagenen vn̅
27 gedemuͤtigten Gott/ wie es denn auch der Text giebet.
28 Denn der Prophet Esaias hat zuuor ersehen/
Blatt 56 recto
1 das man jhm solches am Creutze fuͤrwerffen wuͤrde:
2 Du giebest dich fuͤr Gott vnnd fuͤr Gottes
3 Sohn aus/ Ey du bist ein feiner vnnd schoͤner
4 Gott/ Ein verwundeter/ gecreutzigter/
5 vnnd von GOtt verworffener GOtt bistu.
6 Also verkuͤndiget der Koͤnigliche Prophet Dauid
7 auch zuuor im 22. Psalm die Lesterung vnnd
8 Schmachwort/ die sie den gecreutzigten HERREN
9 Christum anlegen wuͤrden.
10 VNd hat der Prophet Esaias ohne zweiffel
11 vns hiemit lehren wollen/ Das dieser/ der also
12 erhoͤhet/ vnnd ein Fluch worden ist/ nicht
13 alleine sey ein Knecht Gottes vnnd Mensch/
14 sondern er sey auch selbst Gott. Wie jhn denn
15 S. Paulus den gecreutzigten HErrn der herrligkeit/
16 vnnd Petrus den Fuͤrsten des Lebens
17 nennet. Vnd Act. 20. stehet: Das wir mit dem
18 Blute Gottes erworben/ vnd Gottes eigenthumb
19 vnd Herde worden sein. Denn wiewol
20 er im Fleische leidet/ wie S. Petrus redet/ so ist
21 dennoch eben diese Person/ die da am Creutze hanget/
22 Gott vnd Mensch. Das WORT oder
23 [?]ruhet/ vnd die Maiestet hat sich inn CHristo
24 geringert/ oder gedemuͤtiget/ vnd die Goͤttliche stercke
25 vnd krafft hat in diesem Goͤttlichem